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Amoklauf in Winnenden

12. März 2009

amoklauf_winnenden

Wie kommt ein 17-Jähriger dazu, eine solch monströse Tat zu begehen? Wieviel Hass kann ein Mensch horten, dass er zu einer solch apokalyptischen Tötungsmaschine wird?
Über die Sinnlosigkeit der gestrigen Tat in Winnenden, bei der 16 Menschen (15 Opfer und der Täter Tim K.) das Leben verloren, ist in den letzten 24 Stunden viel geschrieben worden. 

Der Amoklauf schockiert die Öffentlichkeit und kaum jemand weiß, wie er emotional damit umgehen soll. Aber auch rationale Verarbeitungsansätze scheitern. Interessant ist: die Reaktionen auf einen Amoklauf sind grundsätzlich die gleichen: Psychologen ereifern sich und wagen Erklärungsversuche, zeichnen das Bild des ausgestoßenen Einzelgängers mit Waffentick, Politiker schreien reflexartig nach Killerspielverboten und “Schul-Festungen” , die Medien weiden sich an dem Drama und schreiben mit viel Bild- und Videomaterial unterfütterte Tatprotokolle, die einem Thriller Konkurrenz machen können und versuchen das Unfassbare fassbar zu machen.

Alles Obengenannte verklingt aber rasch. Zu klein ist das Kurzzeitgedächtnis der Öffentlichkeit. Diejenigen, die nicht unmittelbar betroffen sind (wie die Eltern, Angehörige, Schulkameraden und alle Winnender) werden sich spätestens Mitte nächster Woche wieder anderen Themen zuwenden. Die Sprachlosigkeit wird aber bleiben und auch die Frage nach dem “warum”. Welche Motive trieben Tim K. ? Welche Gratifikation erwartete er? War er ein Sadist im klassischen Sinne? Wollte er größtmögliches Leid, Trauer und Aufmerksamkeit erzeugen, um einen fulminanten Abgang von dieser Welt hinzulegen? Quasi ein Fanal?
Ich habe im Laufe des Tages versucht mir zu überlegen, warum Tim K. dies wollte, warum so viele Amokläufer vor ihm es wollten. Und ich stoße immer wieder auf die eine Sehnsucht: Tim K. wollte der Richter über Leben und Tod sein, das Schwert des Schicksals einmal in den Händen halten, emporsteigen aus der alten kümmerlichen Existenz des Versagers und ihn besitzen: den Status eines furchteinflößenden Machthabers – ein kleiner Gott sein und es allen zeigen. Er konnte es haben, die gottesgleiche Allmacht über seine Mitmenschen. Alles, was er dafür tun musste, war unerbittliche Gewalt ausüben. Die panikhafte Angst der Opfer war sein Elixier, das Manna was ihn stark machte. Es braucht nicht viel Gehirnschmalz um zu wissen, dass diese Sehnsucht besonders häufig von Ausgegrenzten, Versagern und Deprimierten empfunden wird. Davon gibt es (leider) viele. Gewaltätig wird aber nur ein atomischer Bruchteil. Trotzdem scheint es eine Gemeinde im Internet zu geben, die junge Menschen wie Tim K. für seine Taten verehren. Sie schreiben in Online-Foren über die Amokläufer von Littleton, Eric Harris (18) und Dylan Klebold (17), und erklären sie zu Helden. In solchen Online-Gemeinden heisst “to hero” einen heldenhaften Tod sterben. Tim K. tat dies, indem er sich einer letzten blutigen Auseinandersetzung mit der Polizei stellte und sich vor einem möglichen Zugriff selbst erschoss. Es klingt alles wie ein Spiel, wenn anonyme Forenmitglieder die Taten von Amokläufern lobpreisen und die Gewalt, die dort ausgeübt wurde, bewundern. Es klingt wie ein Spiel, worin es darum geht, den größtmöglichen Tabubruch zu begehen, das Unfassbare möglich zu machen und eine für die bürgerliche Masse nicht verständliche Erschütterung ihrer Ruhe und Glückseligkeit zu erzeugen. Eine gewissen Bereitschaft zur Anarchie tragen, meiner Ansicht nach, viele Menschen in sich. Doch das befähigt sie nicht, loszuziehen und Menschen umzubringen. Sie würden vielleicht Farbbeutel werfen, mit Liebe errichtete Sandburgen zertreten oder einen Polizisten bespucken. Alles Beweise der eigenen Macht, Nachweise von vermeintlicher Männlichkeit und Rebellion – typische Pubertätserscheinungen. Aber sie gehen dabei nie bis zum äußersten. Es ist eher ein Spiel, um Grenzen auszutesten, kein Spiel um Leben und Tod. Wie kommt es also, dass Tim K. diese Schwelle überschritten hat? Sind seine Grenzen etwa verschwommen?

Unbestätigte Aussagen von Polizisten, die bei der Ergreifung von Tim K. beteiligt waren, bewegte und schoss der 17-Jährige wie ein Spieler es in Counter-Strike tun würde. Sollte dies stimmen, ist ein gewisser “Lern-Effekt” durch das Spiel nicht ausgeschlossen. Lehrt ein Spiel, wie Counter-Strike, das Töten? Und lehrt es, dass Gewalt mit Waffen ein opportunes Mittel ist, um sich durchzusetzen? Sind es am Ende doch die Killerspiele, die dazu beitragen, die Hemmschwelle zum Töten zu senken? Im Computer-Spiel kann der Schütze ein kleiner Gott sein. Er entscheidet bei entsprechender Spiel-Befähigung über Leben und Tod von anderen Spielern. Er steigt auf zum Schwertträger des Schicksals, kann und darf stark sein.

Tim K. hat die Grenzen zur Realität verschwimmen lassen. Er hat ein Spiel in bittere Realität umgewandelt. Er besaß durch die Schießausbildung sogar das Können dazu. Er tat es bewusst und nicht aus dem Affekt. Er wollte stark sein. Doch das war nur zu einem hohen Preis möglich. Und er war bereit, ihn zu zahlen. Die Menschen, die er in den Tod gerissen hat, sicherlich nicht. 

PS: Ich empfehle sehr den Artikel “Tag der Trauer” von Nils Minkmar.

2 Kommentare leave one →
  1. Christian Permalink
    13. März 2009 14:57

    Ich empfinde großes Mitleid mit den Angehörigen und Freunden der vielen Opfer von Winnenden, von Erfurt, von Blacksburg und all der Orte, die in den letzten Jahren im Zusammenhang mit vergleichbaren Bluttaten bekannt geworden sind. Die unbeantwortet bleibenden Fragen müssen insbesondere für die den Opfern nahestehenden Menschen zermürbend sein. Der damalige deutsche Bundespräsident Johannes Rau hat bereits 2002 anlässlich der offiziellen Trauerfeier in Erfurt treffend gesagt: „Wir sollten uns eingestehen: Wir verstehen diese Tat nicht. Wir werden sie – letzten Endes – auch nie völlig erklären können.“

    Wenn ich von den Angehörigen und Freunden der „Opfer“ spreche, dann beziehe ich die Angehörigen und Freunde der jeweiligen Täter ganz bewusst und ausdrücklich mit ein. Wieder mit den Worten Johannes Raus zu sprechen: „Meine Gedanken gehen auch zur Familie des Täters. Niemand kann ihren Schmerz, ihre Trauer und wohl auch ihre Scham ermessen. Ich möchte ihnen sagen: Was immer ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch.“

    Bei aller Trauer und sicherlich auch Wut bei dem ein oder anderen ist das ist in meinen Augen genau der Punkt: der Täter bleibt ein Mensch. Ein Mensch aus unserer Mitte. Ein Mensch, der innerlich jedoch so verkümmert, armseelig und verloren sein muss, dass niemand von uns mit ihm um allen Reichtum dieser Welt tauschen wollte. Niemand von uns, so denke ich, kann sich auch nur ansatzweise ausmalen, was in einem Menschen vorgehen muss, der es fertig bringt, nicht nur anderen Menschen das Leben zu nehmen, sondern am Ende auch sich selbst.

    Besonders bedrückend finde ich den Gedanken, dass dieser schreckliche Amoklauf von Winnenden nicht der letzte seiner Art in Deutschland oder anderswo auf der Welt gewesen sein wird. Wann und wo geschieht das nächste Unglück? Wann und wo macht der nächste verlorene Mensch auf diese Weise auf sich aufmerksam? Was können wir tun, um dieses Unglück abzuwenden?

  2. carrot Permalink
    13. März 2009 15:50

    Ich glaube nicht, dass Tim K. groß über die Planung und die Ausführung seiner Tat nachgedacht hat, schon gar nicht über die Konsequenzen. In der virtuellen Welt seiner Computerspiele fühlte er sich sicher. Seine Fähigkeiten zur Gewaltausübung hat er sich dort über einen langen Zeitraum antrainiert und sogar durch Schießübungen in der Realität verfestigen können. Seine Grenzen sind ganz klar verschwommen. In der Schule wurde er gemobbt, in der virtuellen Welt war er vielleicht ein King? Er wollte die Kontrolle über sein reales Leben gewinnen. Kein Loser mehr sein. Kontrolle über sich, über seine Eltern und über seine Umgebung haben. Das dazu benötigte Verhalten hat er aus der virtuellen Welt adaptiert und auf sich und seine reale Umwelt übertragen. Einmal ein Held sein, welches Kind träumt nicht davon. Ich habe früher im Garten Cowboy und Indianaer mit meinen Freunden nachgespielt, heute scheinen Mädchen modeln und Jungs hero(en) zu wollen. Ich frage mich, wie realitätsfern die Träume der Kinder heute sind?
    Tragen die Medien die alleinige Schuld? Ist es nicht eher die Gemeinschaft, das soziale Gefüge und das Comittment welches heutzutage fehlt? Warum gibt es so viele Deprimierte? Woran fehlt es ihnen? Ich möchte keine Hymne auf die Liebe singen, aber ich glaube, sie ist es, die fehlt, in Familien, in Schulen, in Gemeinschaften. Meiner Meinung mangelt es an der Ausbildung sozialer Fähigkeiten, den Fähigkeiten zur Konfliktlösung und den Fähigkeiten zur Kommunikation. Wo lernen Kinder zu lieben und sich konstruktiv mit sich selber und ihrer Umwelt friedlich auseinander zusetzten? In der Schule, in der Kirchen, in ihren Familien? Wohl eher in den seltesten Fällen…
    Was können wir tun, um nicht zu vergessen? Uns mit unseren Kindern beschäftigen und ihnen eine ehrliche Projektionsfläche für ihre Gefühle bieten.
    Zusammenhalten und auch den Nerds eine Chance geben.

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