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Eine Aufforderung unsterblich zu werden

16. März 2009

Welche Verantwortung hat die Presse bei der Berichterstattung im Fall des Amoklaufs von Winnenden für die Jugend? Eine ziemlich erschreckend große sogar. Tim K. war ein Unhold, er war fast noch ein Kind, er war ein Täter aber er war auch ein Opfer. Aber viel mehr noch ist er Spiegel der Gesellschaft. Und, so unfassbar es erscheinen mag, er droht zu einem neuen Helden der Underdogs zu werden, so wie es vor ihm bereits andere geworden sind. Kleebold und Harris, die Amokläufer von Littleton, sind vielen Menschen bis heute ein Begriff. Waren sie vorher unbedeutende Existenzen, sind sie seit der Tat 1999 Projektionsfläche für sehr viele verschiedene extreme Gedanken. Interessanterweise nicht nur Hass, sondern bei Jugendlichen häufig auch Bewunderung. Die (erwachsene) Öffentlichkeit reagiert normativ mit Unverständnis und ist fassungslos ob der Heroisierung von Amoktätern durch andere Jugendliche. Aber hat sie sich eigentlich schon mal gefragt, warum das so ist? Björn Grau (www.graubrotblog.de) unternimmt einen (hervorragend geschriebenen) sehr persönlichen Versuch einer Erklärung und trifft, meiner Ansicht nach, damit voll ins Schwarze.

Die Presse trägt eine Mitschuld. Sie heroisiert die Täter durch ihre Berichterstattung. Es ist ihr letztendlich nicht vorzuwerfen. Sie tut das, was sie kann und soll: informieren, erklären, inszenieren. Doch sie trägt damit zur Legendenbildung bei und schafft eine Aura, die Jugendliche fasziniert. Reflektiert  man darüber und denkt über die letze Woche und ihre Berichterstattung nach, kommt es einem so einfach vor: eine (leider nicht zu realisierende) Nachrichtensperre, wie Sie die Kriminologin und Rechtsprofessorin Britta Bannenberg gestern Abend bei Anne Will gefordert hat, wäre eine Notwendigkeit, um die zu erwartende Flut an Nachahmern (und Trittbrettfahrern) zu verhindern.

Das Märtyrerhafte  würde ein Stück weit verpuffen. Der ultimative Schrei nach Anerkennung hinwegefegt. 

Udo Vetter hat dieses Gefühl in einer unglaublich treffenden Art und Weise zusammengefasst:

Wäre ich mit meinem Leben mehr als 70 Prozent unzufrieden, fühlte ich mich vom anderen Geschlecht missachtet, hätte ich einen Hass auf blinde Lehrer, Kollegen, Vorgesetzte, würden mich körperlich überlegene Assis quälen, sähe ich überhaupt keine Perspektive, dann wäre das aktuelle Titelbild des Spiegel für mich eine Aufforderung, wenigstens noch unsterblich zu werden. 

Cover des aktuellen Spiegel:spiegeltitel1

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One Comment leave one →
  1. Christian permalink
    17. März 2009 00:02

    Geben wir solchen Irren nicht einfach durch die Mediale Präsenz eine unglaubliche Plattform, sich nach solch einer Irrtat auch unsterblich in den Geschichtsbücher zu verewigen? Endlich gibt es Beachtung und Anerkennung, wenn auch nur für Minuten. Es ist einerseits eine absolute Tragödie, die auch in keiner Weise schönzureden ist, aber es redet keiner über die Opfer und das ist auch gut so, denn die Trauer muss bei den Familien bleiben, wir können es uns nur vorstellen, was Sie durchmachen. Die Frage nach dem Warum sollte einen beschämen deren und ebenso verachten deren Unterton haben, um zukünftige Idioten, die an sowas auch nur im Geringsten denken im Keim zu ersticken. Die Medien sollten aufpassen, dem Volk nicht noch mehr sensationsgeile Nährboden zu schaffen.

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