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Zeit ist nicht gleich Geld

28. Januar 2007
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Das Handy klingelt. Der nervöse Ton schwillt an und wird immer lauter. Gehetzt beantwortet er den Anruf. Lustlos führt er das Gespräch. Er verabschiedet sich höflich, legt auf und schaltet mit schmunzelndem Gesicht das Gerät ab. Heute nimmt er sich Zeit. Der Vormittag war anstrengend: Eine Konferenz jagte die nächste, den ganzen Morgen über Anrufe – der übliche Büro-Wahnsinn. Doch jetzt entfernt er sich vom Alltag. Endlich geht er auf die Reise, die ihm zum Wichtigsten führt, nämlich zu sich selbst. Dafür muss er noch nicht einmal Koffer packen oder Flüge buchen. Er muss sich einfach Raum und Zeit nehmen. So gerne möchte er diesen lange nicht gesehenen Ort betreten, möchte wieder zurück, wo er einst war: Das eigene Ich. Seit dem hat er vieles verdrängt, vieles vergessen wollen, sich in Arbeit gestürzt und dabei sich und seine Gedanken verloren. Er ist darüber sehr müde geworden.

Einmal „Ich“ und zurück

Heute Mittag will er eine Stunde spazieren gehen. Diese Mittagspause soll seine ganz persönliche Mußestunde sein. Sie gehört nur ihm. Handys, Blackberrys, Email und Konferenzen haben da keinen Platz. Er möchte auf Reisen gehen, endlich wieder innehalten können. Viele haben das verlernt, denkt er sich. Die Beschäftigung mit sich selbst ist es, was er möchte.
Kann er die Komplexitä
t seiner Umwelt so weit reduzieren, dass es nur noch die eigenen Gedanken gibt? Kann er so grundsätzlich abschalten, dass die Zeit tatsächlich stillzustehen scheint? Kann er einen Moment vollkommener Klarheit erschaffen, der sich selbst genügt und dem eigenen Ich den Raum geben, den es seit langem so bitter nötig braucht? Nein, meditieren möchte er nicht, nur innehalten. Er möchte sich besinnen. Er tut sich nicht leicht damit. Wie soll man das anstellen? Einfach sitzen zu bleiben und nachdenken, ist zu wenig. Er will eine kleine Reise machen, hinaus in die Stadt. Schließlich ist es ein klirrend kalter aber strahlend-sonniger Wintertag. Es ist diese bestimmte Zeit im Jahr, in der nichts den Verstand benebelt, in der das Leben und die Natur sich auf die wesentlichen Dinge reduzieren, wo keine überflüssige Handlung stattfindet. Es ist ein guter Zeitpunkt. Es bleibt nur die entscheidende Frage zu klären: Wohin? Welcher Ort ermöglicht die Ich-Suche? Welcher Ort lässt ihn ganz bei sich selbst sein? Kann man in einer großen Stadt überhaupt abschalten? Vielleicht nicht, denkt er sich, aber entdecken, das kann man. Vielleicht entdeckt er sich dabei auf zufällig wieder.

Liegt in der Unruhe die Kraft?

Er will das Leben der Stadt neu entdecken, sich treiben lassen. Mal sehen, wohin ihn seine Beine tragen werden. Kann er Ruhe finden in der Hektik der Anderen, im Auge des Sturms? Soll er sich in das nervöse Leben des Hauptbahnhofs begeben? Oder runter zum Fluss gehen und sich die immergleichen Wellen anschauen, wie sie stetig fließen und so unzerstörbar sind, wie er es gerne wäre.? Ausruhen in der Betrachtung der Wellen, die nie stillstehen können und doch in ihrer stetigen Bewegung die Ruhe selbst sind? Oder sollte er ziellos durch die Stadt gehen? Er könnte so viele Dinge neu entdecken.

Er könnte durch den Park laufen und den Wolken zusehen, die anwachsen zu majestätischer Größe nur um eilig weiterzuziehen um bald zu vergehen. Er könnte auf die Aussichtsplattform des Kirchturms hinaufsteigen und der Stadt bei ihrer bienenfleißigen Lebendigkeit zuschauen. Er könnte sich mit einer wärmenden Tasse Cappucino in ein Straßencafé setzen und nichts tun. Oder sollte er ein gutes Buch lesen? Es würde doch nur vom Wesentlichen – vom eigenen Ich – ablenken. Er könnte so vieles tun. Aber einfach nur dasitzen und nachdenken?

Nach Hause kommen

Langsam kehrt er in die Gegenwart zurück. Er sitzt an seinem Schreibtisch und schaut auf die Armbanduhr. Die Stunde, in der er seine Reise unternehmen wollte, ist bereits verstrichen. Eine unvergängliche Stunde, in der alles stillzustehen schien. Jetzt hat ihn die Zeit wieder eingeholt. Und trotzdem ist er nicht wehmütig, sondern reich, unermesslich erfüllt. Er hat keinen Schritt vor die Tür getan und war doch auf Reisen.
Ganz weit weg, bei sich selbst.

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