Skip to content

„Drop“ all the Things – Jazzanova werden analoger

29. Oktober 2008

Es ist 12 Jahre her, seit sich ein Kollektiv aus sechs musikverrückten Berlinern zusammentat, um die bekannten Kategorien der Jazz-Musik ein klein wenig durcheinanderzuwirbeln. Nu-Jazz hieß das Genre, welches Jazzanova mit ihrem typischen Mix aus Jazz, Brazil, Latin, House, Drum’n’Bass, und Hip Hop maßgeblich mitbestimmen sollten.

Of all the Things

Jazzanovas Neue: Of all the Things

Der Hype um die neue Mixtur aus verschiedensten Einflüssen ist inzwischen abgeflaut. Den großen Erwartungen an die Berliner Jungs tut das aber keinen Abbruch. „Of All The Things“ ist nach „In Between“ Jazzanovas lang ersehntes, zweites Studioalbum. Fans, denen die Wartezeit zu lang war, boten die drei DJs und drei Produzenten vor einem halben Jahr mit ihrem musikalischen Beitrag zu der Berliner Erotikshow „Belle et Fou“ einen konzeptionellen Vorgeschmack auf ihren zweiten Longplayer. Der gab schon mal die Richtung vor. „Of All The Things “ ist viel analoger als alle Vorgänger-Veröffentlichungen. Das hat auch einen guten Grund: Jazzanovas nächstes Ziel ist die Live-Umsetzung ihrer Musik und ihres Albums. Deshalb ist es souliger, griffiger und weniger abstrakt geworden. Das ist neu. Denn der Name Jazzanova stand lange Zeit für perfekt arrangierte und vor allem komplexe Klangwelten. Dabei bedienten sie sich gierig bei allem, was ihnen musikalisch in die Finger kam und bauten daraus Samples. Dieses Zitieren und Veredeln beherrschte das Clubkollektiv ausgesprochen gut. Aber das schien sie irgendwann zu langweilen. Denn heute machen sie ihre eigene Musik und produzieren ihre eigenen Samples. Mal abgesehen von den Beats, die nach wie vor aus dem Computer kommen, besticht „Of All The Things“ durch viele eigene Arrangements und vor allem durch die Auswahl der Sänger, die in der Mehrzahl männlich ist. Mit dabei sind unter anderen Soul-Legende Leon Ware, Rapper Phonte und Paul Randolph. „Dass es so viele Männer geworden sind, ist eigentlich eher ein Zufall“, sagt Jazzanova-DJ Claas Brieler.

Die Wahl der Sänger hätte aber besser nicht sein können. Man hat beim Hören in keiner Sekunde einen Zweifel daran, dass der Track nur mit dem entsprechenden Sänger funktionieren würde. Außerdem retten die souligen Stimmen über teils langweilige Arrangements. Das Problem mit dem neuen Album ist nämlich seine Gefälligkeit. Das Sampling zu reduzieren und sich verstärkt mit Instrumenten auseinanderzusetzen, ist ein konsequenter Schritt. Er nimmt den Songs aber die typische Anarchie, die Jazzanova mit ihren komplexen Soundkaskaden über wohlwollende Soul-, Brasilian- oder Jazz-Songs gestülpt haben.

Die Spannungskurve des Albums ist jedoch gut gewählt. Die eingängigen Uptempo-Nummern zu Beginn sind eine Remineszenz an die großen Motown-Zeiten. Die Zwischenstücke variieren gekonnt bereits bekannte Jazzanova-Melodien und gen Ende entschwingt man auf Bossa-Novarhythmen und Souljazz dem grauem Herbst.

Den Berlinern ist mal wieder ein kleines Kunststück gelungen: Sie haben vieles, was ihnen heilig ist, über Bord geschmissen und sich trotzdem nicht neu erfinden müssen. Der Weg von der digitalen in die analoge Musik klingt auf „Of all the Things“ so selbstverständlich und normal, dass man sich fragt, ob Jazzanova jemals etwas anderes gemacht hätten. 

No comments yet

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: