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Der schöne Konsul

3. Dezember 2008

Wer kennt eigentlich den „Schönen Konsul“?  
Niemand? Das muß man ändern: Der Typ ist weltklasse:

weyer_covers

Hans-Hermann Weyer, alias Consul Weyer Graf von Yorck, ist eine schillernde Gestalt aus den 60er und 70er Jahren. Er hatte früh eine Marktlücke entdeckt und in der jungen Republik einen ungeheuerlichen Reibach als Titelhändler gemacht. Als Honorarkonsul mehrerer afrikanischer und südamerikanischer Zwergstaaten verkaufte er Konsulartitel im Dutzend und teilte sich das Geld, das die neureichen, deutschen Wirtschaftswundermillionäre bereit waren dafür auszugeben, mit den jeweiligen Herrschaften in Bolivien oder Liberia. Weyer wurde schnell Teil des internationalen Jet-Sets, ließ sich von einer Gräfin Yorck adoptieren und war gern gesehener Gast auf den rauschenden Societyfesten zwischen Monaco, Rio oder Rimini. Daß der Lebemann es brillant verstand, sein Leben als großes Kino zu inszenieren und dabei von Neidangriffen verschont zu bleiben, lässt sich am besten folgendermaßen zusammenfassen: „Ich bin der wahr gewordene Traum bürgerlicher Existenzen, der König eines grauen Ameisenvolkes, das mir ein langes glückliches Leben wünscht“ (Weyer über Weyer). Und in der Tat: Weyer ist ein schmieriger Prahlhans, ein Non-Valeur mit guten Manieren, ein Angeber, wie er im Buche steht, ein verurteilter Steuerhinterzieher und Urkundenfälscher. Aber er war dabei immer Projektionsfläche des kleinen Mannes, dessen fleischgewordene Tagträumerei des schicken Lebens. Die 60er und 70er Jahre brauchten Leute wie ihn, insbesondere die einschlägigen Hochglanzmagazine wie die BUNTE.

Das man heutzutage nur noch wenig von ihm hört, ist nach meiner Einschätzung gut und richtig. Er ist ein Fossil, ein Dinosaurier vergangener Tage. Ein Weyer würde auf dem gesellschaftlichen Parkett der heutigen Zeit clownesk oder gar grotesk wirken. Zu laut, zu dick augetragen, zu wenig understated. Vielleicht hat er selber die Zeichen der Zeit erkannt und sich zurückgezogen, vielleicht ist er auch einfach nur alt geworden.

Der Spiegel hat 1990 noch über ihn berichtet. Ein lesenswerter Artikel:  

Der Mann, der den Wirtschaftswunderkindern per Ritterschlag die Minderwertigkeitskomplexe austrieb und ihnen die Blechsterne auf die Ehrendoktorbrust heftete, ist ein Herr, ganz in Dunkelblau, mit Rollkragenpullover und Klubjacke. Nur das rote Einstecktuch über dem gestickten Wappen bricht ein wenig die Vollkommenheit seiner altmodischen Erscheinung, doch ist es in sorgsamer Lässigkeit gefältelt, und nicht minder elegant arrangieren sich die Falten um die immer noch strahlend blauen Augen im haselbraunen Gesicht des 52jährigen (SPIEGEL, 45/1990).

Summa summarum kann ich mich, zugegebenermaßen, nicht entscheiden, ob ich diesen Kerl für sein Leben bewundern oder belächeln soll. Es ist so peinlich, dass es schön wieder lässig ist. Aber: an sich ist das nicht wichtig. Es ist ihm wahrscheinlich sowieso egal, was die Öffentlichkeit von ihm denkt.

PS: Danke an John für den Hinweis!

One Comment leave one →
  1. Nathalie permalink
    17. Februar 2009 14:41

    Ganz guter Artikel und: es ist m. Schwager leider nicht so egal, was die Presse von ihm denkt ,-) dafür kenne ich ihn nun schon zu lange -> 18 Jahre…

    Viele Grüße von
    Nathalie

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