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Sorglose Überflieger

7. Mai 2009

ramstein1


Was das Flugschau-Unglück von Ramstein und der Finanzmarktcrash gemeinsam haben
von RIZOH

Ein Spiel braucht Regeln. Wenn es sich um ein professionelles Spiel handelt, braucht es einen Schiedsrichter, der sich um die Einhaltung dieser Regeln kümmert. Sie sind notwendig, damit das Spiel fair bleibt und Spaß macht, dienen aber auch dem Schutz der Spieler, damit sie keine Angst um ihre Gesundheit haben müssen; sei es durch Doping oder rüde Fouls.

Es gibt Situationen, bei denen auch die Zuschauer geschützt werden müssen. Sind die Zuschauer bei der Tour de France oder bei Flugshows zum Beispiel zu dicht am Ort des Geschehens, kann es gefährlich werden. Im Jahr 1988 sind bei einer Flugzeugshow in Ramstein 70 Menschen umgekommen, als ein Flugzeug in die Zuschauermenge stürzte. Aus diesem Grund gibt es für Flugshows mittlerweile Regeln und Experten die sich darum kümmern, dass diese auch eingehalten werden.

Man hätte das Gleiche für Bänker auf ihrem Höhenflug tun müssen. Zu gewagt waren Ihre Stunts, zu aggressiv ihre Manöver.

Ersetzt man die Zuschauer einer Flugshow schaubildhaft mit Steuerzahlern, die Piloten mit Bankmanagern und die Flugzeug-Ingenieure mit Zentralbänkern, entdeckt man schnell die Ähnlichkeiten zum aktuellen Finanzcrash: Die Bänker (als Piloten) sind zu schnell geflogen – mit Flugzeugen, die sie nicht beherrschten, mit Maschinen, die Zentralbänker (als Ingenieure) für sie gebaut und betankt haben: hochgezüchtete Höllenflieger mit viel Speed. Die Zuschauer waren die Steuerzahler, die wie blökende Schafe zuschauten und sich über die Show (die solide Wirtschaftslage) freuten. Gefahr für Leib und Leben? Davon konnte keine Rede sein. Wer rechnet denn schon gerne mit dem Schlimmsten?

Dass die Bänker-Piloten zu gefährlich flogen – darum kümmerte sich letztlich auch kein Regulator. Die Maschinen galten ihnen ja schließlich als beherrschbar, als viel besser als früher, als quasi absturzsicher durch hoch gelobte Finnanzmarktinnovationen.

Wer trägt die Schuld, wenn ein Flugzeug in eine Menschenmenge rast?

Die Diskussion ist müßig, wer letztlich verantwortlich ist. Es sind wahrscheinlich einfach mehrere Dinge zusammen gekommen, die alleine nicht schlimm wären, aber in der Summe fatal: Die amüsierte Menge, die unreflektiert gafft, war zu blöd, sich vorstellen zu können, dass das Flugzeug abstürzen könnte, die Piloten verrückt, so tief zu fliegen und die Organisatoren und Flugzeugbesitzer zu leichtsinnig, von den Piloten waghalsige Manöver zu fordern.

Mit Blick auf die Wirtschaft verhält es sich ähnlich: Die Zentralbanker haben zuviel Liquidität in das System gepumpt, die Steuerzahler waren zu doof, die Banker zu gierig und die Regulatoren zu blauäugig.

The show must go on, nur wie?

Die Ramsteiner Flugzeuge waren nach dem Crash zerstört und fluguntauglich und die Zuschauer verletzt und entsetzt. Nichts anderes passiert bei einem Finanzmarktcrash. Doch die Trauer verebbt und die Show muss weitergehen. Damit zukünftige Flugdarbietungen wieder stattfinden können, müssen wieder Zuschauer kommen und für Flugzeugbesitzer Geld für neue Flugzeuge bereitstellen. Das gleiche gilt für die angeschlagen Banken. Das ist schwierig und bedarf massiver Überzeugungsarbeit, nicht zuletzt in Fragen der Sicherheit.

Es ist keine gute Idee, wenn Ingenieure die alten und kaputten Flugzeuge einfach schneller machen. Der Ingenieur, also der Zentralbanker, tut dies, indem er mehr Geld drucken lässt. Dem aufmerksamen Zuschauer schwant es dabei bereits: Es Bedarf weiterer und umfassenderer Maßnahmen, sonst kommt die Show nicht wieder auf die Beine oder der nächste Crash mit Sicherheit.

Der Truthahn, der für Weihnachten gefüttert wird, kann aus Vergangenheit nichts über sein ihm drohendes Schicksal lernen. Je dicker er bei der Fütterung wird, desto näher ist Weihnachten (Nassim Taleb).

Wie bereits oben erwähnt, glaubten alle Beteiligten in der Vergangenheit an die Beherrschbarkeit von Flugshows oder der Finanzmärkte. Schließlich konnten Unfälle bis dato erfolgreich vermieden werden. Dadurch waren sich alle sicher: Es würde schon nichts passieren. Der Erfolgsautor Malcom Cladwell nennt das „Overconfidence“ von erfolgreichen Menschen. Wer in der Vergangenheit viel erreicht hat, glaubt soviel Einfluss auf seine Umwelt zu haben, dass er immer Herr der Lage ist, und schließt daraus, dass das auch in Zukunft so sein wird. Er wird leichtsinnig. Demut ist ein wichtiges Wort!

Nicht nach Ramstein zur Flugschau gehen, nur weil vorher bei einer Flugshow noch nichts passiert ist.

Persönlich macht mir das Ganze Angst, nur weil es 60 Jahre keinen Krieg in Westeuropa gegeben hat, muss es Morgen nicht doch einen geben, aber das ist eine andere Diskussion. Ich zu meinem Teil werde versuchen mich auch bei Erfolg oder Misserfolg richtig zu kalibrieren und nicht zufällig in der Vergangenheit Geschehenes oder nicht Geschehenes als gegeben für die Zukunft voraussetzen.

[Danke an RIZOH, auf dass Du bald hier regelmäßig mitschreibst :-)]

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2 Kommentare leave one →
  1. Ze Bastian permalink
    7. Mai 2009 17:46

    Interessant!
    Aber: Den letzten Satz verstehe ich nicht. Fehlt da ein „nicht“?
    Nebenbei: Mit dem Satz: „… und die Zuschauer verletzt, getötet und entsetzt“ bewirbst Du Dich mit Nachdruck für den „Hohlspiegel“.
    Und: Haben einzelne die Fehler gemacht? Oder waren es viele, die viele kleine Fehler machten? Oder: Haben vielleicht alle alles richtig gemacht, und war dies dann in der Summe falsch? (Kann aus dreimal plus ein minus werden?)
    Hm.

  2. rizoh permalink
    7. Mai 2009 18:16

    Ja tot und entsetzt gleichzeitig ist wirklich lustig, danke an den Lektor 😉

    Ach ja Herr Pedant, im letzten Satz fehlt wirklich ein „nicht“

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