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Süchtig nach Gezwitscher – Wie lange wirkt die Modedroge Twitter noch?

12. Mai 2009

Twitter ist der absolute Media-Buzz des Augenblicks. Jeder, der auch nur am Rande mit Medien zu tun hat, spricht, bloggt, doziert und parliert über die Microblogging-Plattform und ihren gesellschaftlichen (aber auch medienstruktuellen) Einfluß. Jeder will mitmachen und die Nutzerzahlen wachsen stetig. Immer mehr Menschen vernetzen sich in dem neuen Netzwerk und tauschen Informationen in 140 Zeichen aus.

Ich selber habe mich auch mal bei Twitter angemeldet, es jedoch kaum genutzt. Zu oft habe ich mir die Frage gestellt:

Wozu brauche ich das eigentlich?

Recht schnell wurde mir klar, dass die Twitter-User in zwei Lager einzuordnen sind (bestätigt wurde mir diese Wahrnehmung durch diese Studie): das erste Lager sind die Leser (zu denen ich mich zählen würde), die nur Informationen rezipieren aber nichts (oder sehr wenig) beitragen und sich generell wenig mit dem Netzwerk auseinandersetzen; das zweit Lager sind die Schreiber, die sehr aktiv und motiviert Informationen liefern. Sie bilden das Rückrat des Netzwerkes und schaffen zunächst echten Mehrwert. Sie sind es die mich dazu bringen, ab und zu mal wieder vorbei zu schauen. Dieses kontribuierende Verhalten ist sicherlich lobenswert aber es wirkt auf mich in vielen Fällen leicht übermotiviert. Manche schreiben mehr als 20-30 Tweets pro Tag. Ich als Leser erfahre bei tiefergehendem Interesse über eine Person dadurch Dinge, die vormals streng privat waren oder eher nur unter engen Freunden bekanntgegeben wurden. Die Schreiber kehren damit ihr Innerstes auf bedenkliche Weise nach außen. Das irritiert, auch wenn die meisten der Schreiber sicherlich nicht dumm sind: Des Öfteren fällt sogar selbstkritisch das Wort „Sucht“ – wohl eine echte Selbsterkenntnis.

Ist es zulässig in diesem Zusammenhang von einer Modedroge zu sprechen?

Ja, da Twitter n.m.E. ein Spielzeug der digitalen Boheme ist und diese recht schnell von süchtig machenden Tools gelangweilt ist und zum nächsten Trend weiterpilgert.

twitter_timeline_kk

Ohne selbst Opfer dieser Droge zu sein [ich habe es in einem halben Jahr auf 11 „Tweets“ (Twitter-Beiträge) gebracht] will ich versuchen, ihren „Wirkstoffen“ auf den Grund zu gehen, da mich interessiert, warum so viele Internet-User schon bei dem Gedanken an Twitter vollkommen aus dem Häuschen sind. Mir sind spontan vier Wirkstoffe aufgefallen, die ich hier unwissenschaftlich und stark subjektiv beschreiben möchte:

„Informationsschnelligkeit“

Twitter ist extrem schnell. Durch die Nähe der twitternden Individuen zum Geschehen und die entsprechende Vernetzung gelangen Informationen in Windeseile vom Geschehensort in die weite Welt. Das plakative Beispiel hierfür war die Notwasserung eines Flugzeugs im New Yorker Hudson River, die nur Sekunden nach dem Unfalleintritt über einen Tweet weltweit bekannt gemacht wurde. Journalisten nutzen Twitter, um sich schneller als andere über Sachverhalte zu informieren. Dabei nutzen Sie Twitter bislang nicht als Quelle von tiefergehenden Informationen, sondern primär als Leuchtsignalgeber. Twitter hilf Ihnen, Hinweise auf Geschehnisse so schnell als möglich zu erlangen. Eine weitere Recherche ist somit schon Minuten oder auch Stunden früher möglich als bisher. Ein echter Vorteil aber auch eine echte Gefahr für die journalistische Sorgfaltspflicht, sollten Journalisten in Zukunft nicht besonnen mit dem Informations-Tool Twitter umgehen und es tatsächlich als Informationsquelle nutzen. Für den Privatanwender ergibt sich ein ähnlicher Geschwindigkeitsvorteil. Die Nutzer können ihrem Bedürfnis nach „Information-Leading“ nachkommen. Sie sind dementsprechend immer die ersten, die in einer Sache informiert sind und können sich damit gegenüber ihrer Umwelt brüsten. Es ist herbei jedoch äußerst fraglich, zu welchem Preis dieser Vorteil erkauft wird. Um ständig up-to-date zu sein, muss viel Zeit in Twitter-Monitoring investiert werden (Wobei wir gleich beim nächsten Wirkstoff wären…)

„Trendjagd“

Twitterer sind vermeintlich gut informiert über die Dinge, die die breite Öffentlichkeit momentan am brennendsten interessieren. Das sind nicht nur nackte Nachrichten sondern auch Politik-, Technologie-, Lifestyle-, Mode- aber auch Gesellschaftstrends. Twitter-User preisen häufig die demokratisierende Kraft des Netzwerks. Die Nachricht (bzw. der Trend) wird durch die Masse „gemacht“ und nicht durch Medien oder PR-Leute. Sie übersehen dabei aber, dass – ähnlich wie bei Google – ein homogenisierender Effekt der Information eintreten kann. Eine Google-Suche spuckt immer die „relevantesten“ Ergebnisse zuerst aus, also die obersten und wichtigsten Einträge. Das diese nicht immer die besten sind, wird oft missachtet. Zu wenige Menschen wissen, nach welcher Systematik Google Informationen filtert und in der Suchmaschine anbietet. Im Zweifel sind es die Ergebnisse, die sowieso schon von gut platzierten Contentgebern stammen. Wer beispielsweise das Suchwort „Apple“ eintippt, landet mit sehr großer Wahrscheinlichkeit bei der Website des Computer-Unternehmens aus Cupertino und nicht beim Verband amerikanischer Apfelbauern.  Ähnlich könnte es sich bei Twitter verhalten. Trends setzen die, die sowieso schon an der Spitze stehen. Könnte das eine Gefahr für abweichende Meinungen, Themen oder Einstellungen sein? Läuft Twitter hier nicht Gefahr weniger demokratisch zu sein und eher sozialdarwinistisch nach dem Motto „der Stärkste siegt“?

Die teilweise unreflektierte Gier nach kurzweiligen Informationstrends verhindert einen klaren Blick auf die nüchterne Ausgestaltung des Informationsmenüs. Es könnte passieren, dass Twitter, ähnlich wie es dem Journalismus widerfahren kann, zu selbstreferentiell funktioniert. Es entsteht eine (Referenz-)Kette von Informationen, die am Ende des Tages eigentlich keiner mehr nachvollziehen kann. In der Zwischenzeit ist – schwupps! – das Gerücht zur Nachricht geworden. Es kommt darauf an, die richtige Auswahl an Twitter-Feeds zu verfolgen, um einen Homogenisierungseffekt zu vermeiden. Die hier erwähnte Trendjagd stellt meiner Ansicht nach weniger einen Wirkstoff der Modedroge dar als eher ein Problemfeld der Informationsverteilung.

„Aufmerksamkeit“

Twitter ermöglicht es dem Individuum in Windeseile eine beachtliche Publizität zu erzielen. Wer über das richtige Thema twittert oder einfach kluge und interessante Dinge von sich gibt, kann im Idealfall sehr schnell Hunderte „Verfolger“ mit Informationen versorgen. Sicherlich folgt der Erfolg auf Twitter einer klaren Aufmerksamkeitsökonomie: Stars und Sternchen die twittern (Ashton Kutcher und Demi Moore) erreichen ungeahnte Verfolgerzahlen, da die Masse ein erhöhtes Interesse an deren Leben hat. Aber auch Normalos erreichen eine teilweise beachtliche Exposure. Und das zieht selbstdarstellerische Menschen magisch an. Der „Schreiber“ hat die Möglichkeit, seinem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit Raum zu schaffen. Die Öffentlichkeit befriedigt seine Eitelkeit. Twitter hat eine Menge mit Eitelkeit zu tun. Aber nicht nur das Sendungsbewusstsein ist ein Suchtelement der Modedroge sonder auch die umkehrte Seite: der Voyerismus als eines der zentralen Elemente von Internetpublizität.

„Voyeurismus“

Twitter ermöglicht Einblicke in das Seelenleben der anderen Teilnehmer. Mehr noch als in einem (persönlich gefärbten) Weblog hat der Verfolger das Gefühl, sehr dicht am Leben des Twitterers dran zu sein. Er erfährt viel über Stimmungslagen, Gedanken, Interessen und Bedürfnisse eines anderen Menschen, den er im Normalfall noch nie zu Gesicht bekommen hat. Das Internet hat hier eine neue Form der Zurschaustellung von Lebensführung geschaffen, die es so in der Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben hat. Twitter hebt diese öffentliche Zurschaustellung des Lebens auf eine neue und bedenkliche – Ebene.

Es bleibt fraglich, ob die sprichwörtliche Müslizusammenstellung am Morgen oder der Kneipenbesuch am Abend mitteilungswürdige Geschichten sind.

Selbst wenn es eine bestimmte Öffentlichkeit interessiert (Voyeurismus), geht es diese Öffentlichkeit denn etwas an? Und machst sich der Schreiber darüber überhaupt Gedanken? Ich denke, dass den wenigsten Twitter-Usern klar ist, dass sich dadurch fremde Personen ein digitales Bild von einem Menschen machen, welches teilweise ohne Referenz zur tatsächlichen Person als wahr und stimmig akzeptiert wird. Es entsteht eine Internet-Bekanntschaft, in der von „Bekanntschaft“ die Rede ist ohne ein tatsächliches Wissen über die Person zu besitzen. Das interessante an dieser Entwicklung ist aber, dass viele Menschen ihren Selbtstarstellungsdrang auf der einen und ihren Voyeurismus-Trieb auf der anderen Seite anhand dieser digitalen Bekanntschaften ausleben können und eher selten mit ernsthaften sozialen Konsequenzen konfrontiert werden.

Um die anfangs gestellte Frage nach dem Nutzen vom Twitter mit der Feststellung des Suchtpotentials in Einklang zu bringen, bietet sich ein Rückblick auf den Medienhype des Jahres 2006/2007 an. Damals war Second Life zum „Next Big Thing“ erkoren worden. Soziologen und Marketingleute prophezeiten einen Transfer wesentlicher Lebensbereiche und -leistungen in das digitale virtuelle Netzwerk und erklärten das Ende des Internets wie wir es kannten. Web 3.0 schien geboren worden.
Knapp zwei Jahre später ist das „zweite Leben“ ungefähr so uninteressant wie eine in der Vergangenheit kurzzeitig ausgeübte Sportart. Wer mal für wenige Monate Golf oder Tennis ausprobiert hat, dann aber wieder das Interesse verloren hat, weiss was gemeint ist. Mit Second Life lief es ebenso. Ein Zeitvertreib ohne Relevanz. Ähnlich wird es Twitter ergehen. Sicher gibt es viele Experten, die bei diesem Vergleich die höhere Wertsubstanz von Twitter betonen würden. Sie übersehen jedoch häufig, wie schnell der Internet-User von heute das Interesse an einem „Spielzeug“ verliert. Twitter als Spiel oder Modedroge wird seinen Reiz in naher Zukunft wieder verlieren, denn in absehbarer Zeit wird es sicherlich eine neues Spiel bzw. eine neue Droge geben, die noch bessere Wirkstoffe enthält oder Altbekannte und Altbewährte noch cleverer kombiniert. Man wird sich in Zukunft mit einem müden Schmunzeln an das aufgeregte Gezwitscher aus dem Jahr 2009 erinnern.

Leseempfehlung: Selbständig imNetz und Netzwertig

2 Kommentare leave one →
  1. Twitterer permalink
    9. Juli 2009 12:09

    Ein ganz nett verfasster Test über den ich nur schmunzeln kann. Twittern lassen, sollte man all die jenen, die meinen es tun zu müssen. Ich denke wir müssen uns nicht zwingend notwendig den Kopf darüber zerbrechen, ob diese Menschen Ihrem Drang nach Anerkennung durch die Öffentlichkeit nachkommen müssen oder sich in der Anzahl Ihrer „Follower“ suhlen. Ich finde es eher eigenartig, dass man sich über Dinge wie diese, tatsächlich und wirklich Gedanken macht. Es ist ein Trend ja. Es ist alles so persönlich ja. Na und?

  2. 14. April 2010 21:27

    Man, langsam bin ich echt begeistert von Google, Man findet doch die Informationen die man sucht, die diesem Fall auf dieser Seite! Gruee aus Berlin

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