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Münchner Ego

9. November 2009
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München ist die Stadt der Superlative: Die Wirtschaft wächst und gedeiht und macht in regelmäßigen Abständen mit Rekorden auf sich aufmerksam, die hohe Dichte an erfolgreichen Konzernen und die niedrige Arbeitslosenquote sind weitere Medaillen, die sich die bayerische Hauptstadt gerne an die Brust heftet. Darüber hinaus ist die Stadt an der Isar (u.a.) die männerfreundlichste, die vegetarierfreundlichste, die familienfreundlichste und sowieso Deutschlands führende Metropole in Sachen Lebensqualität. Mein lieber Scholli.

Liest man diese ganzen Auszeichnungen, muss man die Tatsache, dass München schlicht und einfach die beste Stadt des Planeten ist, für unanfechtbar halten. Und ihre Bürger zwischen Würmtal und Allianz-Arena sind sowieso die Schönsten, Schlausten, Nettesten.

Als Hamburger, der in München lebt, ist mir dabei eine grundsätzliche Sache in Punkto Selbstdarstellung nicht ganz klar: Was ist mit dem Münchner Ego los?  Braucht die Isar-Stadt diese ständige Fremdbestätigung der eigenen „Geilheit“? Bei uns im Norden ist das nämlich anders: In Hamburg bekommt man – nebst anderen Dingen, wie Understatement, Verschrobenheit und die Fähigkeit, jedes Wetter zu ertragen – eine Sache besonders in die Wiege gelegt: die untrübbare Gewissheit in einer weltoffenen, selbstbewussten und stolzen Stadt aufzuwachsen.  Ein Hamburger liebt seine Heimat; und dazu braucht er keine Fremdbestätigung – weder durch andere Deutsche (also den Rest, südlich von der Elbe🙂 ) oder durch Studien, die in der Zeitung stehen. Er weiss einfach, wie toll es ist, Hamburger zu sein.

Vor diesem Hintergrund frage ich mich, warum das in München offenkundig nicht so (einfach) ist. Warum stehen in regelmäßigen Abständen Jubelmeldungen in der Lokalpresse, in der wieder mal von einem neuen „Münchner Rekord“ oder von einem „Münchner Superlativ“ die Rede ist? Muss man sich in München immer aus Neue klar machen, dass man etwas ganz Besonderes ist?

Mich beschleicht dabei so langsam das Gefühl, als ob die Münchner Seele etwas sehr Verletzliches hat und darauf angewiesen ist, ständig mit einem durch Beleg-Studien angereicherten Beruhigungsbalsam eingerieben zu werden. Oder hat die Stadt einfach ein besonders großes Ego und die dazugehörige Portion Sendungsbewusstsein?

Typischerweise schreien immer diejenigen am lautesten, die es auch nötig haben. Es bleibt daher zu klären, ob München ein Identitäts- oder ein Egoproblem hat. Beides finde ich nur begrenzt sympathisch.

Wenn es ein Identitätsproblem ist, liegt es vielleicht an der großen Zahl von zugereisten Neu-Münchnern und der Angst der Alteingesessenen, durch den großen Zuzug die eigene Identität zu verlieren. Anders lässt es sich auch nicht erklären, warum man hier des Öfteren von Einheimischen korrigiert wird, wenn man – als Zugereister – etwas nicht korrekt münchnerisch ausspricht (Es heisst schließlich auf DIE Wies’n und nicht auf DEN Wies’n). Das ist mir woanders – ganz zu schweigen von meiner Herkunftsstadt – noch nie passiert.

Wenn es ein Ego-Problem ist, finde ich die Rumposaunerei sehr unpassend. Denn es lebt sich ausnehmend gut in München und die Menschen hier scheinen in der Masse zufriedene Bürger zu sein. Warum muss man dann immer wieder vom gedachten Schlossturm zum Plebs vor den Burgmauern runterbrüllen,   wie gut man es doch hier im Türmchen hat?

Also München, freue Dich an deinen Leistungen und deiner Schönheit, aber tu‘ dies doch bitte ein bisschen leiser. Das würde ich sogar noch ein Stück weit lieber in Dir wohnen, Du Weltstadt mit Herz!

3 Kommentare leave one →
  1. Henrik permalink
    9. November 2009 14:37

    „Weltstadt mit Herz“ ist gut. Wie war das nochmal mit dem „Tor zur Welt“???

  2. Smilo permalink
    10. November 2009 18:03

    Nun, als gebürtiger Münchner gehe ich an solchen Zeitungsständern vorbei und denke nur: „Den Leuten von der ZEITUNG ist mal wieder nichts besseres eingefallen.“ Da ich die Regionalzeitungen anderer Städte nicht kenne, weiss ich aber auch nicht, ob diese ähnliches über ihre jeweilige Heimatregion schreiben.

    Ich halte keineswegs München für die „beste Stadt des Planeten“, aber trotzdem für eine schöne Stadt in der man gut leben kann. Die meisten Leute die ich kenne verwenden auch eher den Begriff „größtes Dorf der Welt“.🙂
    Ebenfalls habe ich noch nie gesehen, dass man versucht hätte, jemandem München als „großartigste Stadt“ anzupreisen.

    Im Gegenteil habe ich dafür aber öfter erlebt, dass Norddeutsche mir meine Heimatstadt schlecht reden wollen und überall nur rummeckern. Ich frage mich dann nur, warum sie nicht im Norden geblieben sind, wenn da doch alles besser ist…

    Was „auf DEN Wies’n“ angeht: Das ist genau so, als würde man „Ich geh mit Freunden auf DEN Kieler Woche“ oder „Wo finde ich denn DEN Reeperbahn?“ sagen. Das tut den Gehörknöchelchen weh. Und das hat auch gar nichts mit besonderer münchnerischer Grammatik zu tun, sondern damit, dass „Wies’n“ eben Einzahl ist. Es handelt sich um EINE (zubetonierte) Wiese. Wenn du also überall „Wies’n“ mit „Wiese“ ersetzt, macht plötzlich alles Sinn.😉

    Denk dir nix, ich hab nen Kommilitonen aus Schwerin, der verwechselt das auch jedes Jahr.😉
    Aber als Beispiel für Münchner „Identitätsangst“ musst du schon was besseres bringen.

    Gruß,
    Smilo

    P.S.: In Zukunft bitte Leute nicht mehr anhand der Schundblätter beurteilen, die man in der Gegend kaufen kann.

  3. 15. Februar 2012 11:40

    Das war ja schon fast klar, München sahnt ja wirklich fast immer ab, können sich andere Städte mindestens eine Scheibe von abschneiden. Die machen das wirklich sehr gut dort😉

    Ich liebe München:)

    LG

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