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Robert Enke, der Werther-Effekt und Niggemeiers Medienkritik

17. November 2009

Der vom Bildblog bekannte Journalist Stefan Niggemeier ist mit seiner Zunft im Rahmen der Berichterstattung über den Tod von Robert Enke scharf ins Gericht gegangen und kritisiert diese als „grotesk verantwortungslos„. Die Form der journalistischen Arbeit, ihr Sensationalismus und das in den Wind schlagen jeglicher Zurückhaltung befördere den aus der Medienwirkungsforschung bekannten „Werther-Effekt“, nach dem eine intensive öffentliche Diskussion bzw. eine massive Berichterstattung über eine prominenten Suizid eine ganze Reihe an Nachahmern finde. Der wissenschaftlich belegte Effekt erhielt seinen Namen in Anlehnung an Goethes „Die Leiden des jungen Werther“, dessen in dem Werk beschriebener Selbstmord nach der Veröffentlichung im Jahr 1774 eine signifikante Zahl an Nachahmern fand. Auch in der Neuzeit ist ein deutlicher Zusammenhang erkennbar. Immer dann, wenn in den Medien über Selbstmord(e) berichtet wird, steigt die Zahl von Folgeselbstmorden an – oft sogar nach exakt dem gleichen Muster, wie es in den Medien gezeigt oder beschrieben wurde. Niggemeier nennt ein Beispiel:

„1981 zeigte das ZDF in bester Absicht Robert Strombergers realistisches Drama „Tod eines Schülers” über einen Jugendlichen, der sich vom Zug überrollen lässt. Hinterher nahm die Zahl der Eisenbahnsuizide bei jungen Männern um 175 Prozent zu. Auch bei der Wiederholung der Serie eineinhalb Jahre später stellten Wissenschaftler noch einen erheblichen Nachahmungseffekt fest.“

Vor diesem (bei Journalisten sogar relativ bekannten) Hintergrund zeigt ein Großteil der deutschen Medienlandschaft im Fall der Berichterstattung über Enke jedoch keinerlei Verantwortungsbewusstsein hinsichtlich einer Gefahr von Nachahmungsfällen. Vielmehr berufen sich Journalisten auf ihre journalistische Gesinnungsethik, die ihnen quasi aufträgt über Dinge zu berichten, die der öffentlichen Information vermeintlich unabdingbar dienen.

Es gibt von der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention eine Anleitung dazu, wie Journalisten im Rahmen der Berichterstattung über Selbstmorde arbeiten sollen, nur leider wird diese nicht umgesetzt, wenn es sich um ein prominentes Opfer handelt. Im „Normalfall“, also wenn ein Unbekannter Selbstmord  begeht, wird darüber oft nur abstrakt berichtet – was nach den Regeln der oben genannten Anleitung absolut richtig ist, um Nachahmer nicht zu „ermutigen“. Es ist aber naiv zu erwarten, dass große Publikumsmedien die Berichterstattung in einem Fall wie dem Suizid von Robert Enke bewusst begrenzen.

Das ist leider so. NUR:  Sie sollten sich dann aber auch der Konsequenz ihres Handelns bewusst sein.

Dass der nach Niggemeier „besinnungslose Kampf um Aufmerksamkeit, Auflage und Quote“ in dem Fall von Robert Enke unter Umständen ein böses Nachspiel haben wird, bleibt abzuwarten. Das Schreckliche daran ist aber, dass ein weiterer (wissenschaftlicher und journalismusethischer) Beweis nur zu einem sehr hohen Preis zu haben ist: Nämlich zum Preis weiterer Selbsttötungen.

Den sehr lesens- und empfehlenswerten Beitrag zu dem Thema findet man im Blog von Stefan-niggemeier.de.

One Comment leave one →
  1. 17. November 2009 12:48

    In Österreich herrscht zwischen der Presse und den Wiener Öffentlichen Verkehrsbetrieben ein Gentleman’s Agreement, dass über Selbstmorde auf den Schienen nicht berichtet wird (http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1147/der-freitod-eines-torwarts-und-die-ethik). Ergebnis: die Zahl der Selbstmorde in der Wiener U-Bahn um rund 50% gesunken.

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